"Jetzt ist die Zeit, von der Heuchelei zum Handeln überzugehen und
einen grundlegenden Wandel in Politik, Wirtschaft und persönlichem
Handeln einzuleiten."
Papst: Ostern zeigt, dass Gott alles zum Guten wenden kann
In dem ausführlichen Interview zeichnet Papst Franziskus die globale
Virus-Krise als Gelegenheit zu einer grundsätzlichen Umkehr und ruft
zugleich zum Einsatz für die in dieser Zeit besonders Schutzbedürftigen
auf. Die globale Krise betreffe alle Menschen und sei eine Chance für
die Menschheit, ihre Zukunft grundsätzlich neu auszurichten, betont der
Papst. Hierfür brauche es einen Wandel in Politik, Wirtschaft und im
Leben eines jeden Einzelnen.
Gelegenheit zur Umkehr
„Diese
Krise berührt uns alle: Reiche wie Arme. Sie ist ein Aufruf gegen die
Heuchelei“, unterstreicht Franziskus. Und er verweist zugleich auf die
Kluft zwischen Reden und Handeln von Verantwortungsträgern weltweit, die
angesichts der Tragweite der aktuellen Lage alles andere als angemessen
in der Krise agieren: „Mich beunruhigt die Scheinheiligkeit gewisser
Politiker, die sagen, sie wollen die Krise angehen, die über den Hunger
in der Welt reden, und beim Reden Waffen herstellen. Jetzt ist die Zeit,
uns von dieser Heuchelei zum Handeln zu bekehren. Dies ist eine Zeit
der Kohärenz. Entweder sind wir konsequent oder wir verlieren alles.“
Vieles stehe auf dem Spiel, so Franziskus, die Krise biete zugleich
„eine Gelegenheit zur Bekehrung“. Mit Blick auf die Weltwirtschaft und
den Umgang mit natürlichen Ressourcen betont der Papst, es bestehe jetzt
die Chance, „Produktion und Konsum zu verlangsamen“, die natürliche
Welt besser zu verstehen und zu bedenken und „die Verbindung zu unserer
realen Umwelt wiederherzustellen“. Grundgedanken seiner Umwelt-Enzyklika
„Laudato si“ aufgreifend unterstreicht der Papst, es gelte „von der
Nutzung und dem Missbrauch der Natur“ wegzukommen und stärker „zur
Kontemplation überzugehen“.
Zuwendung und Schutz für Menschen am Rande
Dazu gehört für Franziskus auch eine unmittelbare Zuwendung zu anderen
Menschen. Es gelte, sich aus der „hypervirtuellen, körperlosen Welt dem
leidenden Fleisch der Armen“ zuzuwenden. „Wenn wir nicht damit beginnen,
wird es keine Bekehrung geben“, warnt der Papst. Einige Regierungen der
Welt hätten „beispielhafte Maßnahmen ergriffen, um die Bevölkerung zu
schützen“, merkt er an. Allerdings werde in der Krise deutlich, dass
sich alles um die Wirtschaft drehe. Die Welt sei „von Kopf bis Fuß“
durch eine „Politik der Wegwerfkultur“ durchdrungen, was sich auch in
heute üblichen Praktiken wie vorgeburtlicher Selektion und legal
praktizierter Euthanasie zeige.
In der Corona-Krise müssten gerade
besonders schutzlose Menschen Unterstützung erfahren, appelliert der
Papst und nennt ein Beispiel: „Die Obdachlosen bleiben Obdachlose. Ich
habe vor ein paar Tagen eine Fotografie aus Las Vegas gesehen, auf der
Obdachlose zu sehen waren, die auf einem Parkplatz in Quarantäne gesetzt
wurden. Und die Hotels waren alle leer. Denn ein Obdachloser kann ja
nicht in ein Hotel gehen. Hier sieht man die Logik der Wegwerfkultur am
Werk.“
Der Papst hebt all jene Menschen positiv hervor, die sich um
Kranke und Bedürftige in dieser Zeit in besonderer Weise kümmern. Erneut
würdigt Franziskus etwa die vielen Ärzte, Pflegerinnen und
Ordensfrauen, die im Einsatz für die Opfer der Pandemie gestorben sind.
Papst-Gebet und Angebote der Nähe
Er selbst bete in dieser Krise viel, erzählt der Papst über seinen
persönlichen Umgang mit der Krise: „Ich bete mehr, weil ich glaube, ich
muss das tun, und denke an die Menschen. Ich mache mir Sorgen um die
Menschen, das tut mir gut und bewahrt mich vor Egoismus.“ Darüber hinaus
bewege ihn die Frage: „Was wird mein Dienst als Bischof von Rom, als
Oberhaupt der Kirche, in Zeiten danach sein?“ Mit dem vatikanischen
Entwicklungs-Dikasterium stehe er im Austausch über die Frage der Zeit
nach der Pandemie und wie die Kirche damit umgehen könne, merkt er
weiter an.
Seine größte Sorge sei es, den Menschen irgendwie nahe zu
sein, so Franziskus. In dieser Optik seien auch seine derzeitigen
Aktivitäten im Vatikan zu verstehen, es sei für ihn „eine intensive Zeit
der Präsenz“: „Das ist der Sinn meiner Morgenmesse jeden Tag um 7.00
Uhr, die im Live-Stream übertragen und von vielen Menschen mitverfolgt
wird, die sich dadurch begleitet fühlen. Das ist der Sinn auch anderer
meiner Gesten in dieser Zeit wie beispielweise der Segen auf dem
Petersplatz vom 27. März.“ Auch mittels des päpstliche Almosenamtes
versuche der Vatikan, Armut und Krankheit im Zuge der Krise zu lindern.
Kreativität des Christen
Die Krise erlebe er selbst auch als einen „Augenblick mit großer
Unsicherheit“, räumt der Papst ein. Zugleich sei es „ein Moment des
Erfindungsgeistes, der Kreativität“, betont Franziskus. Dies sei eine
Aufgabe für die ganze Kirche und alle Menschen in der häuslichen
Isolation.
Der Papst wirbt an diese Stelle für eine „Kreativität des
Christen“, die sich darin zeige, „neue Horizonte und Fenster zu öffnen,
eine Transzendenz hin zu Gott und zu den Menschen“, wie er formuliert.
Dabei gelte es, jeden Tag mit Aufmerksamkeit und Behutsamkeit anzugehen
und die Realität nicht zu verkennen.
„Tragt Sorge um euch für die
Zukunft, die kommen wird. Sorgt euch um das Jetzt, aber im Blick auf das
Morgen. All das mit Kreativität. Einer einfachen Kreativität, die jeden
Tag etwas erfindet. In der Familie so etwas zu entdecken, ist nicht
schwer. Doch man darf nicht davonlaufen und sich in fremde Welten
flüchten – die sind in diesem Moment nicht nützlich.“
Papst Franziskus
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