Die exponentielle Ausbreitung des Coronavirus ähnelt der immer
schneller werdenden Veränderung der Welt, meint Paul Sailer-Wlasits. In der nun verordneten gesellschaftliche Vollbremsung
ortet der Philosoph auch eine Chance zur Umkehr.
Wenn ungeordnete Bewegung und unvorhergesehene, bedrohliche Ereignisse
mit ihrer kaum kontrollierbaren Geschwindigkeit auf zerbrechliche
Systeme des Gleichgewichts und der Entwicklung treffen, bewirkt dieses
Zusammenstoßen keine Fortsetzung evolutionärer Prozesse, sondern zieht
disruptive, erratische Veränderungsprozesse nach sich: Chancen für
einige, Katastrophen für viele.
Der niemals mehr versiegende digitale Neuheitenstrom mit seiner
unaufhörlichen Verkürzung der Zeithorizonte macht auch und insbesondere
vor sozialen Beziehungen nicht halt. Die Geschwindigkeitserhöhung
„verkürzt“ Entfernungen, Ziele rücken näher, indem sich der zeitliche
Abstand zu diesen verringert; doch selbst durch die völlige Beseitigung
des Abstandes zum Ziel entsteht keine Nähe. Die Ferne als eine ihrem
Wesen nach unörtliche Differenz bleibt unverändert bestehen, obwohl die
Wegstrecke nachweislich verringert wurde.
Menschliche Nähe entsteht stets durch das Interpersonelle, niemals
aufgrund von Abstandslosigkeit; daher ist die digitale Vernichtung der
Distanz nur in unzureichendem Maße in der Lage, zwischenmenschliche
Anteilnahme zu erhöhen. Uneigentlichkeit als Existenzform des dritten
Jahrtausends wird sich im Unterschied zur kopernikanischen Wende nahezu
unsichtbar, schleichend und unentrinnbar vollziehen. Spuren zu den
Ursprüngen drohen in der digitalisierten Informationswelt verloren zu
gehen, milliardenfach überschrieben und zu beliebigen Anfängen
degradiert zu werden.
Sobald in Ausnahmesituationen der Entzug äußerer Sinnesreize zunimmt und
der Stillstand geradezu mit Händen gegriffen werden kann, steigert sich
die Last des weitgehenden Abhandenseins von Leben auf erbarmungslose
Weise zur Unerbittlichkeit. Symptome der Belastung, von Langeweile über
Widerwillen bis zur Depression lassen die Gefahr des Überdrusses, des
Nicht-Ertragenkönnens von Stillstand wachsen.
Die zurzeit politisch verordnete gesamtgesellschaftliche
Entschleunigung könnte – sieht man von der erheblichen Gefahr illiberale
Tendenzen zu begünstigen ab – auch positive Langzeiteffekte nach sich
ziehen. Bereits in der Vorstellung vom Danach der Krise, in einer
wiedererlangten Ordnung der Welt nach der Instabilität, liegt mehr als
nur allgemein formulierte Hoffnung. Es liegt darin ein besonderes
Verweisen, das seinerseits auf ein Ziel, auf einen Zweck und einen Sinn
deutet. Das Ende eines belastenden Zustandes kommt allmählich in Sicht
und jene Argumente, welche die Krise stets als Chance für eine Wende
bezeichnen, könnten die Oberhand behalten.
In einer unserer
ältesten Prophetien, dem Buch Jesaja (Jes. 30, 15-16), findet sich eine
gütige Aufforderung samt unmissverständlicher Warnung: „Durch Umkehr und
durch Ruhe werdet ihr gerettet. In Stillsein und in Vertrauen ist eure
Stärke.“ Diese Aufforderung beinhaltet drei Metaphern: Es gibt eine
Chance, die Krise zu bewältigen: durch Umkehr.
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