Ein Schmerz, der im Inneren brennt (Christoph Haider)
Das Fegefeuer – ein Thema, das nur ungern angesprochen wird. Im folgenden eine einleuchtende und ansprechende Deutung.
Gehen wir davon aus, dass ein Mensch im persönlichen Gericht nach
seinem Tod den Himmel offen sieht und seine erste direkte Begegnung mit
Gott hat. So jedenfalls hat es der sterbende Stephanus beschrieben:
„Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten
Gottes stehen“ (Apg 7,56). Diese Begegnung mit Gott und mit Christus an
der Seite Gottes wird für einen heiligen Menschen wie Stephanus überaus
beglückend sein. Dieser war ja der erste Christ, dem der Glaube an Jesus
mehr bedeutete als sein eigenes Leben. Als erster christlicher Märtyrer
konnte Stephanus hoffen, dass Jesus „seinen Geist aufnimmt“ (vgl. Apg
7,59) und dass seine Seele sogleich „die Herrlichkeit Gottes“ (Apg 7,55)
genießen darf. Diese Vorfreude auf den Himmel prägte auch den Apostel
Paulus. Sein großer Wunsch war es, „aus dem Leib auszuwandern und daheim
beim Herrn zu sein“ (2 Kor 5,8).
Die Gottverbundenheit der Apostel,
der Märtyrer und natürlich der heiligen Jungfrau Maria war schon zu
Lebzeiten so intensiv, dass der Übergang vom Zustand des Glaubens in den
Zustand des Schauens nur ein sehr kleiner Schritt für sie war.
Ähnliches gilt von allen großen Lichtgestalten der Geschichte. Sie
trugen auf der Erde schon so viel Himmel in sich, dass sie von der
Herrlichkeit Gottes nicht geblendet, sondern angezogen wurden. Was aber
ist mit jenen Menschen, die in der Gnade Gottes sterben, aber bis zu
ihrem Tod das Gute nur bruchstückhaft verwirklicht haben? Der
katholische Glaube sagt über sie: „Wer in der Gnade und Freundschaft
Gottes stirbt, aber noch nicht vollkommen geläutert ist, ist zwar seines
ewigen Heiles sicher, macht aber nach dem Tod eine Läuterung durch, die
notwendig ist, in die Freude des Himmels eingehen zu können“
(Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 1030). Mit etwas einfacheren
Worten: Nur Heilige kommen gleich nach dem Tod in den Himmel.
*
Fegefeuer
setzt sich zusammen aus zwei Teilen: Der erste Teil heißt Fegen im Sinn
von Reinigen. Es ist das, was wir normalerweise mit dem Putzzeug
machen. Der zweite Wortteil ist Feuer und erinnert daran, dass Gold erst
dann richtig zum Vorschein kommt, wenn es im Feuer geläutert ist (vgl. 1
Petr 1,7; Offb 3,18). Der Name Fegefeuer kann sich auf eine Stelle im
ersten Korintherbrief stützen, die wohl Pate für Wort und Inhalt des
Fegefeuers gestanden ist. Ganz vortrefflich hat Papst Benedikt XVI. in
seiner Enzyklika Spe salvi diese Bibelstelle erklärt. (…)
Der heilige
Paulus vergleicht in seinem Brief das Leben des Christen mit dem Bau
eines Hauses. Der Grund, auf dem das Haus steht, ist Jesus Christus.
Solange wir diesem Fundament treu bleiben, wird unser Lebenshaus am
Lebensende nicht völlig zugrunde gehen. Wohl aber kommt es darauf an, ob
wir mit gutem oder schlechtem Material darauf weiter gebaut haben.
Denn
am Tag des Gerichtes, den Paulus mit dem Bild vom Feuer umschreibt,
wird sich zeigen, was unser Lebenshaus wert war. Kommt bei einem
Menschen dann zum Vorschein, dass vieles in seinem Leben aus dürftigem
Material gebaut war, hält es im Feuer nicht stand. Wer nur mittelmäßiges
Material für das Haus seines Lebens aufgewendet hat, über den sagt
Paulus abschließend: „Er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie
durch Feuer hindurch“ (1 Kor 3,15).
Das reinigende Feuer des
Purgatoriums muss nicht von außen kommend gedacht werden. Es ist der
Schmerz im Innern, wenn wir erkennen müssen, so viele Chancen im Leben
verpasst zu haben, so viel Gutes unterlassen, Gott so wenig ernst
genommen oder an den Mitmenschen vorbeigelebt zu haben. Dieser Schmerz
des Erkennens und zugleich die Unfähigkeit, es wieder gutmachen oder
nachholen zu können, macht wohl das Leiden des Fegefeuers aus. Die Liebe
Gottes brennt in unserem Herzen, um es zu reinigen. Gleichzeitig leidet
die Seele unsäglich, weil sie im Tod bereits einen Blick in das Antlitz
ihres Herrn und Erlösers werfen durfte, dann aber selber merkte: für
diesen Blick bin ich noch nicht reif. Wer Liebeskummer kennt oder im
Leben einmal lange auf einen Geliebten warten musste, ahnt vielleicht,
wie sich Sehnsucht nach dem Himmel anfühlen könnte.
*
Was ist dann
mit Gottes Barmherzigkeit, die doch in unserer Zeit und besonders von
Papst Franziskus so stark verkündet wird? Gerade weil Gott barmherzig
ist, macht der Glaube an ein Fegefeuer Sinn. Wenn wir nämlich in dem
Zustand in den Himmel eingehen würden, in dem viele von uns beim Sterben
sind, wäre der Himmel recht armselig. All die sündigen Schwachstellen,
unter denen wir zeitlebens leiden, wären auch im Himmel noch nicht
aufgearbeitet und würden uns und die Gemeinschaft mit den anderen
belasten.
Sehr schön schreibt Benedikt XVI. in seiner Enzyklika über
die Hoffnung: „So wird auch das Ineinander von Gerechtigkeit und Gnade
sichtbar: Unser Leben ist nicht gleichgültig, aber unser Schmutz
befleckt uns nicht auf ewig, wenn wir wenigstens auf Christus, auf die
Wahrheit und auf die Liebe hin ausgestreckt geblieben sind“ (Spe salvi,
47).
Auszüge aus seinem Buch: Das Ziel vor Augen (S. 89-99)
VISION 2000 1/2019
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