Die Predigt von der Hölle: eine Warnung für die Lebenden (Von Christoph Casetti)
Nachdem ungefähr in der Mitte des letzten Jahrhunderts
der Tübinger Theologe Herbert Haag den Abschied vom Teufel verkündet
hat, ist es auch um die Warnung vor der Hölle stiller geworden. Ich muss
ehrlich gestehen, dass ich selber auch noch nie ausführlicher über die
Hölle gepredigt habe.
Dennoch ist festzuhalten, dass
Jesus ausdrücklich von der Existenz des Teufels und der Dämonen sowie
von der Gefahr gesprochen hat, auf ewig verloren zu gehen. Allen, die
Ihm in der Not der Mitmenschen nicht geholfen haben, „werden weggehen
zur ewigen Strafe“ (Mt 25,46), lesen wir im Matthäusevangelium. In der
Bergpredigt sagt Jesus: „Geht durch das enge Tor! Weit ist das Tor und
breit der Weg, der ins Verderben führt, und es sind viele, die auf ihm
gehen“ (Mt 7,13). Es gibt allerdings auch die gegenläufige Linie in der
Bibel: Gott, der Retter, „will, dass alle Menschen gerettet werden und
zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen,“ heißt es zum Beispiel im 1. Brief
an Timotheus (2,4).
Was lehrt die Kirche zu unserem Thema? Sie hält an drei Wahrheiten fest:
1. Die Hölle existiert.
2. Ihre Strafen dauern ewig.
3. Sie beginnt nach dem Tod und nicht erst beim letzten Gericht am Ende der Welt.
Bis
diese Wahrheiten geklärt waren, dauerte es einige Zeit. Gerungen wurde
um das Thema der Ewigkeit der Hölle. Gefragt wurde auch, ob eine
Strafmilderung für Christen denkbar sei? Ist die Hölle vielleicht nur
sinnbildlich zu verstehen? Beginnt sie vielleicht doch erst beim
Jüngsten Gericht?
Wie können wir die drei Wahrheiten: Die Hölle existiert – Ihre Strafen dauern ewig – Sie beginnt nach dem Tod - verstehen?
Zunächst
einmal müssen wir bedenken, dass wir keine unmittelbare Erfahrung der
jenseitigen Wirklichkeit haben. Wir können uns nur unsere sichtbare Welt
in Zeit und Raum vorstellen. Unsere menschlichen Erfahrungen lassen
sich nicht 1 zu 1 auf das ewige Leben übertragen. Dennoch gibt es nach
der Lehre der Kirche den Zustand der endgültigen und ewigen Gottesferne.
Ein Weiteres ist zu bedenken: Bei den Aussagen über die Hölle geht
es nicht um Information, sondern um das ewige Heil des Menschen, das im
Jetzt vorbereitet wird. Es ist uns aufgegeben, das Leben zu meistern
angesichts der realen Möglichkeit des endgültigen Scheiterns. In diesem
Sinne ist die Predigt von der Hölle vor allem als Warnung für die
Lebenden zu verstehen.
Das Wesen der Hölle besteht im Verlust der
Liebe zu Gott und der Gemeinschaft der Heiligen. Wir sind von Gott so
geschaffen, dass wir nur selig werden können, wenn wir ihn und die
Mitmenschen lieben. Die Strafe der Hölle besteht darin, dass wir in
einem Zustand sind, der unserer Natur und unserer Berufung widerspricht.
Das wiederum ist mit einem furchtbaren Leiden verbunden. Wir sind
gleichsam auf Liebe „programmiert“ und leben ständig dagegen. So sagt
der Katechismus der katholischen Kirche in der Nr. 1035: „Die schlimmste
Pein der Hölle besteht in der ewigen Trennung von Gott, in dem allein
der Mensch das Leben und das Glück finden kann, für die er erschaffen
worden ist und nach denen er sich sehnt (Vgl. dazu auch 393).“
Damit
Geschöpfe lieben können, müssen sie frei sein. Eine instinktive, bloß
triebhafte oder erzwungene Liebe ist keine Liebe. Das hat jedoch zur
Folge, dass Gott die Freiheitsentscheidung des Menschen respektiert. In
der Hölle sind nur solche Geschöpfe, die sich ganz frei und ein für
allemal gegen Gott und Seine Liebe entschieden haben. Um es in einem
Bild zu sagen: Die Türen der Hölle sind nicht von außen wie bei einem
Gefängnis, sondern von innen verschlossen. Obwohl es äußerst schmerzhaft
ist, wollen die verdammten Geschöpfe sich von Gott nicht lieben lassen
und auch nicht lieben.
Wer ist in der Hölle?
Die
Entscheidung der Engel, die sich gegen Gott aufgelehnt haben, ist nach
der Überlieferung der Kirche unwiderruflich. So sind und bleiben der
Teufel und die gefallenen Engel, die Dämonen, in der Hölle. Die Hölle
ist also nicht leer. Die Kirche kennt offizielle Heiligsprechungen, aber
keine offiziellen Verdammungsurteile. Es steht uns somit nicht zu, ein
endgültiges Urteil über irgendeinen Menschen zu fällen.
Wir dürfen
hoffen und beten, dass alle Menschen gerettet werden. Viele Gläubige tun
es mit dem Fatima-Gebet, das ja von der Kirche anerkannt ist: „O mein
Jesus, verzeih uns unsere Sünden! Bewahre uns vor dem Feuer der Hölle!
Führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner
Barmherzigkeit am meisten bedürfen. Amen.“
Erfahrungen aus dem Befreiungsdienst
Priester
im Befreiungsdienst machen die Erfahrung, dass sie es nicht immer mit
Dämonen zu tun haben. Es melden sich auch Verstorbene, arme Seelen, die
zwischen Erde und Himmel gebunden sind und Hilfe suchen. Sie haben in
ihrem irdischen Leben schwer gesündigt. Deshalb machen die Dämonen einen
Anspruch auf sie geltend. Wenn es uns gelingt, sie für die
Barmherzigkeit Gottes zu öffnen, können sie gerettet werden. Ein
bewährtes Mittel dazu ist der Barmherzigkeitsrosenkranz, welcher der
heiligen Schwester Faustyna Kowalska geoffenbart wurde. Wir beten ihn in
die Todesstunde dieser armen Seelen hinein. Denn, nach einem Wort des
heiligen Pater Pio, hilft das Gebet außerhalb von Raum und Zeit.
So
viel liegt Gott an der Rettung der Seelen, dass Er nicht nach dem Tod,
aber im Tod noch Seine Barmherzigkeit anbietet. Wir wollen auch daran
denken, wie viele Menschen in ihrer Lebensgeschichte durch fremde Schuld
so verwundet worden sind, dass sie kaum imstande sind, vor dem Tod ganz
freie Entscheidungen zu treffen.
Eine Entscheidung noch im Tod?
Auf
Grund solcher Überlegungen haben einige Theologen im vergangenen
Jahrhundert die Meinung vertreten, der Mensch erhalte im Tod eine letzte
Möglichkeit, sich für oder gegen unseren Erlöser Jesus Christus zu
entscheiden. In seiner Enzyklika über die Hoffnung Spe salvi sagt Papst
Benedikt XVI.: „Einige neuere Theologen sind der Meinung, dass das
verbrennende und zugleich rettende Feuer Christus ist, der Richter und
Retter. Das Begegnen mit ihm ist der entscheidende Akt des Gerichts. Vor
seinem Anblick schmilzt alle Unwahrheit. Die Begegnung mit ihm ist es,
die uns umbrennt und freibrennt zum Eigentlichen unserer selbst. Unsere
Lebensbauten können sich dabei als leeres Stroh, als bloße Großtuerei
erweisen und zusammenfallen. Aber in dem Schmerz dieser Begegnung, in
der uns das Unreine und Kranke unseres Daseins offenbar wird, ist
Rettung. Sein Blick, die Berührung seines Herzens heilt uns in einer
gewiss schmerzlichen Verwandlung ,wie durch Feuer hindurch’”(47).
In
eine ähnliche Richtung weist ein Gedanke des 2. Vatikanischen Konzils.
Es sagt in der Pastoralen Konstitution Gaudium et spes über die Kirche
in der Welt von heute: „Da nämlich Christus für alle gestorben ist (32)
und da es in Wahrheit nur eine letzte Berufung des Menschen gibt, die
göttliche, müssen wir festhalten, dass der Heilige Geist allen die
Möglichkeit anbietet, diesem österlichen Geheimnis in einer Gott
bekannten Weise verbunden zu sein“ (22).
Drei Wahrheiten müssen wir
versuchen, zusammen zu denken: Die erste Wahrheit ist: Um zum Heil zu
gelangen, muss man Jesus Christus begegnet sein, sich von Ihm lieben
lassen und Ihn lieben, sich für Ihn entscheiden und in einer tiefen
Freundschaft mit Ihm verbunden sein. Denn wir glauben, dass Jesus
Christus der einzige und wahre Erlöser ist. Alle Geretteten verdanken
ihr Heil letztlich Ihm.
Die zweite Wahrheit, die wir beachten müssen,
sagt: Nach dem Tod kommt jeder Mensch sofort in die Hölle, der nicht in
der Gnade ist, weil er sich frei gegen die Gnade entschieden hat. Die
Kirche lehrt das individuelle Gericht nach dem Tod. Und auch Jesus
spricht von der Möglichkeit der ewigen Verdammnis. Doch Thomas von Aquin
weiß auch, dass im Evangelium von Menschen die Rede ist, welche Jesus
nicht kennen, aber auf Grund ihrer Liebe gerettet werden. „Was ihr einem
meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan,“ sagt
Jesus in seiner großen Rede über das Weltgericht (Mt 25,31-46). Bei
diesen vermutet auch Thomas eine besondere göttliche Offenbarung. Doch
auf dieser Vermutung lässt sich keine Lehre aufbauen. Deswegen greifen
wir die dritte Wahrheit auf, die wir bei den Konzilsvätern des 2.
Vatikanischen Konzils gefunden haben: „Wir müssen festhalten, dass Gott
jedem Menschen sein Heil anbietet durch ein ihm bekanntes Mittel.“
Weil
es Millionen von Menschen gibt, denen das Heil im irdischen Leben nicht
oder in einer für sie unverständlichen Weise angeboten wird, und weil
ich weiß, dass Gott es jedem Menschen anbieten will, darf ich annehmen,
dass Er dies im Durchgang oder Übergang des Todes tut.
Der Autor ist Bischofsvikar in der Diözese Chur.
VISION 2000 1/2019
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