19.11.07

 

Selbstliebe

Selbstliebe hat heutzutage einen schlechten Ruf.
Man verbindet einerseits damit eine narzisstische Haltung (einen Menschen, der selbstverliebt und selbstzufrieden ist). Abstoßend wirkt daran die Untätigkeit (sich selbst im Spiegel betrachten).
Zum andern verbindet man damit den Egoismus. Eine Haltung, in der man sich selbst immer das Beste sichern will, andere schädigt, sie auf unmoralische Weise übervorteilt.

Doch Selbstliebe ist notwendig. Sie ist Bejahung des jeden Menschen gegebenen von Gott geschenkten individuellen Seins.
Sich dem eigenen Leben offen zuwenden, nicht an seinen Eigenarten festzuhängen.
Alles an sich annehmen. So wie Liebende alle Eigenschaften des anderen annehmen und nicht nur einzelne Dinge schön finden.
Das heißt aber nicht, dass ich kritiklos gegen mich selbst bin. Es gibt einen Unterschied zwischen mir selbst und meinen Eigenschaften.
Die Selbstkritik kann mitunter so schonungslos sein, wie auch Liebende einander zu kritisieren in der Lage sind, ohne einander zu verletzen.
Das Selbst ist auf den Mit-Seienden ausgerichtet.
Dieses Ich ist Voraussetzung für die Liebe.
In der Liebe kommt es zur Herausbildung und Stärkung meines Selbstseins.
Sie ist eine Chance zur Selbstverwirklichung.

In der Selbstsucht dagegen sind alle anderen von der Liebe ausgeschlossen,
sodaß ich mich ganz in mich selbst verschließe.

Zur Liebe gehört unverzichtbar die Selbstliebe.
Zum Wesen der Liebe gehört es, dass sie niemanden ausschließt.
Und was wäre eine Liebe, die ausgerechnet sich selbst von dieser Liebe ausschließt?
Wer sich selbst aus seiner Liebe ausschließt, weil er sich für nichtig, für nicht wertvoll, nicht liebenswert hält, vollzieht an einer entscheidenden Stelle eine Ausgrenzung, die mit dem Wesen der Liebe unvereinbar ist. Er nimmt die ihm zugesagte Liebe Gottes nicht ernst.

Vgl. Paul Tillichs Plädoyer rechter Selbstliebe in der Systematischen Theologie im Band I.
Drei Qualitäten der Liebe zu sich selbst: libido, philia, eros – in denen ein Element des Begehrens liegt, das aber nicht im Gegensatz zur erschaffenen Güte des Seins steht, denn Trennung und Sehnsucht nach Wiedervereinigung von Wesen und Wesen sind natürlich den Dingen zu eigen. Eros als die mystische Qualität der Liebe, das Streben nach Wiederverinigung mit dem essentiellen Sinn in allem. Agape ist die Selbsthingabe an den andern um des anderen willen, eine persönliche Beziehung zu ihm. Aber ohne Eros keine Wärme. Sonst müßte man Gott nur fürchten und gehorchen und könnte ihn nicht lieben.

Diese drei Qualitäten sind nicht verwerflich, sondern legitime Äußerungen der wahren Selbstliebe, aber unter der Voraussetzung der Agape. Sonst entartet sie zur zerstörerischen Selbstsucht, die immer mit Selbstverachtung und Hass gegen sich selbst gepaart ist.

Agape transzendiert libido, philia, eros zum Begehren nach der letzten Erfüllung.
Während die anderen Formen der Liebe abhängig sind von zufälligen Eigenschaften, von Abneigung und Anziehung, von Leidenschaft und Sympathie ist Agape von diesen unabhängig. Bedingungslos bejaht Agape den anderen. Die Agape ist allumfassend, denn sie vereint den Liebenden und den Geliebten um des Bildes willen, das Gott von beiden in ihrer Vollendung hat, sie bevorzugt niemand und schließt niemand aus, vergibt, leidet, nimmt den anderen trotz seines Widerstandes an und sucht die persönliche Vollendung des andern. Wahre Selbstliebe, die das Abbild der Liebe ist, mit der Gott sich Gott selbst liebt.

Wahre Selbsthingabe ist nicht Selbstaufgabe.


Bücher zum Nachlesen
- Liebe Als Erkenntnis Und Konstruktion Von Wirklichkeit
- Mystisches Erbe in Tillichs philosophischer Theologie
- Der Mut Zum Sein

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