11.2.16

 

Neoliberales Christentum und seine Propheten

Seit 25 Jahren wird Europa nach marktreligiösen Leitlinien umgestaltet, doch der Erfolg mag sich nicht einstellen.

Nobelpreisträger James Buchanan, hat dafür das „Samariter-Paradox“ erfunden: Wer dem Schwachen hilft, lässt ihn nur allzu leicht in einer „sozialen Hängematte“ verkommen. Der moderne Samariter gibt dem Bedürftigen einen Tritt als Hilfe zur Selbsthilfe.

Doch Zweifel regt sich: Seit 25 Jahren wird Europa nach marktreligiösen Leitlinien umgestaltet, Sozialleistungen, Reallöhne, Spitzensteuersätze und Vermögensteuern werden gekürzt, doch der Erfolg mag sich nicht einstellen. Im Gegenteil: Es geht immer mehr bergab, die Ungleichheit wird größer und größer. Auf vier Fronten wird dieser Zweifel bekämpft.

Erstens: Die Wissenschaft leitet aus der „Unsichtbare-Hand-Theorie“ strikte Regeln für die Politik ab (Sparpolitik, Marktliberalisierung, etc.).
Zweitens: Letztere bindet sich den Regeln entsprechend selbst, teilweise für ewig (aus dem Fiskalpakt kommt man nicht mehr raus, aus TTIP wohl auch nicht).
Drittens: Die Oberen finanzieren immer mehr Thinktanks, in denen (junge) Ökonomen die wahre Theorie popularisieren. Angesichts der prekären Jobsituation sind sie zu erstaunlichen Anpassungsleistungen fähig.
Viertens: Die Journalisten verbreiten eine marktkonforme Sprache: Wer sich an „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ hält, ist ein Gutmensch, die schlauen Egoisten sind die wahren Guten. Wer viel verdient, ist Leistungsträger etc.

Sympathie ist das wichtigste Bindeglied. Jeder prüft sein Verhalten danach, wie es der innere „unparteiische Beobachter“ bewerten würde – dieser repräsentiert die ethischen Normen. Folgen die Einzelnen ihrem „inneren Menschen“, so stärkt dies sowohl die individuelle Identität als auch die gesellschaftliche Kohärenz: Selbstliebe und Nächstenliebe bedingen einander, Solidarität ist ein Eigennutz sozialer Ordnung. Dies konnte man an den Gesichtern derer sehen, die den Flüchtlingen halfen. Nicht moralinsaures Gutsein strahlten sie aus, sondern Freude und Spaß und so viel Lebensenergie. Liebe Bösmenschen, am Ende entgeht euch noch was. . .

Noch aber gilt es, die Stellung zu halten – eine Weltanschauung, an deren Restaurierung so viele Geistesgrößen Jahrzehnte gearbeitet haben, kann doch nicht falsch sein! Auch die zum zeitgemäßen Christentum Konvertierten halten daran fest, selbst gegen die Thesen von Papst Franziskus („Evangelii Gaudium“): „...der größte Teil der Männer und Frauen unserer Zeit lebt in täglicher Unsicherheit, [...] Angst und Verzweiflung ergreifen das Herz vieler Menschen, [...] die soziale Ungleichheit tritt immer klarer zutage [...] Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht [...] Heute spielt sich alles nach den Kriterien der Konkurrenzfähigkeit und nach dem Gesetz des Stärkeren ab, wo der Mächtigere den Schwächeren zunichtemacht.“

Und Papst Franziskus weiter: „Um einen Lebensstil vertreten zu können, der die anderen ausschließt, hat sich eine Globalisierung der Gleichgültigkeit entwickelt [...] Während die Einkommen einiger weniger exponentiell steigen, sind die der Mehrheit immer weiter entfernt vom Wohlstand dieser glücklichen Minderheit. Dieses Ungleichgewicht geht auf Ideologien zurück, die die absolute Autonomie der Märkte und die Finanzspekulation verteidigen.“

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