4.11.17

 

Der Totentanz in Elbigenalp

Die Martinskapelle im Friedhof der Pfarrkirche Elbigenalp verfügt über zwei Geschosse, im unteren befindet sich das Beinhaus und im oberen ein kleiner Sakralraum. An seiner Seitenwand kann eine der wenigen Totentanz-Darstellungen Tirols besichtigt werden. Sie stammt von Johann Anton Falger (1791-1876) und entstand 1840.

In der Kunstgeschichte stellt der Totentanz ein ganz besonderes Genre dar: Seine Wurzeln sind im Frankreich des 14. Jahrhunderts zu finden, wo er unter der Bezeichnung "Danse macabre" (lat. "Chorea Machabaeorum") eine literarische Gattung darstellte und szenisch aufgeführt wurde. Ursprünglich handelte es sich dabei um kurze vierzeilige Wechselreden zwischen dem Tod und 24 Personen, die in absteigender sozialer Rangfolge zu Wort kamen.

Bald war der Totentanz auch im deutschsprachigen Raum weit verbreitet, wo er in Bild- und Textform neben der Wand- vor allem in der Buchmalerei seinen Niederschlag fand. Eine "Renaissance" erlebte das Genre später vor dem Hintergrund des Schwarzen Todes, der Pest.

Nicht zuletzt weil sich aus dem Begriff "macabre" das deutsche Wort "makaber" ableitet, nimmt man an, dass sich der Totentanz auf die Bibelstellte 2. Makk. 6,7 des Alten Testaments bezieht, in der sieben makkabäische Brüder vor den Augen ihrer Mutter auf grausame Weise hingerichtet werden. Unmittelbar vor ihrem Martyrium erhalten sie aber noch Gelegenheit, sich mit ihrem Richter (König Antiochus IV.) auf heldenhafte Weise auszutauschen. Die Verehrung der "sieben makkabäischen Brüder" breitete sich im Abendland aus, wo ihnen sogar Kirchen geweiht wurden, z.B. in Köln. Da es sich bei den sieben Brüdern noch um Kinder handelte, fanden die ersten szenischen Totentanz-Aufführungen im Pariser Kloster der unschuldigen Kindlein ("aux Innocents") statt. Das älteste Zeugnis eines Totentanzes im deutschsprachigen Raum befindet sich an der Universität Heidelberg in der Handschrift CPG 314, die wahrscheinlich im 14. Jahrhundert verfasst wurde und bereits Verse in Latein und Deutsch enthält. Die ersten monumentalen Totentanz-Wandmalereien entstanden im Wengenkloster in Ulm und in den beiden Dominikanerklöstern von Basel.

Der Totentanz des Außerferner Künstlers Johann Anton Falger entstand etwa 500 Jahre später, nachdem sich so bedeutende Künstler wie Hans Holbein d.J. (Augsburg 1497-1543 London) intensiv mit dem Thema befasst hatten. Holbein war es auch, der dem Totentanz eine neue formale Gestalt gab, indem er veranschaulichte, dass der Tod kein Alter und keinen Stand verschont und dass er in das irdische Dasein manchmal ganz plötzlich eintritt. Letztlich war es dann auch Holbein, der den Totentanz nicht mehr als Reigen darstellte, sondern als eine Abfolge von in sich abgeschlossenen Bildsequenzen. Diese erschienen 1530 erstmals in gedruckter Form, ab 1538 aber noch einige Male in großer Auflage und unter verschiedenen Titeln.

Johann Anton Falger, aufgrund seiner vielen wohltätigen Initiativen auch "Vater des Lechtales" genannt, erhielt seine Ausbildung in Stockach und an der Akademie in München und war ein besonders erfolgreicher Zeichner, Radierer und Lithograf seiner Zeit. Bevor es ihn beruflich für zwei Jahre nach Weimar und später für weitere zehn Jahre wieder nach München verschlug, wurde er 1809 und 1813 gezwungen, für die bayerischen Truppen Wehrdienst zu leisten. Falger hinterließ neben Plänen, Landkarten, Lithografien für Modejournale und Geschichtswerke eben auch Totentanz-Darstellungen in den Gemeinden Elbigenalp, Schattwald und Elmen.

Der Totentanz von Elbigenalp ist mit seinen 18 Bildfeldern der umfangreichste. Am oberen Rand jeden Bildes ist gemäß der bereits erwähnten Rangfolge der entsprechenden Person der Titel der jeweiligen Abbildung angebracht, z.B. "Der Bürger", "Der Soldat", "Das Kind" usw. Es folgt das Bild und darunter der Dialog zwischen der Person und dem Tod. In Bezug auf seine künstlerische Leistung ist festzuhalten, dass es Falger gelang, makaber-drastische Begebenheiten mit besonders einfachen Mitteln darzustellen. Die einzelnen Bilder sind in schlichten Grau- und Erdtönen abgefasst, wobei er kaum auf die Entwicklung von Tiefenwirkung Wert legte. Nur manchmal kann der Betrachter im Hintergrund der Abbildungen Landschaften und Innenräume erkennen. Im Wesentlichen ging es Falger darum, den Zweikampf des Menschen mit dem Tod wirkungsvoll zum Ausdruck zu bringen. Besonders hervorzuheben sind vor allem zwei Bilder: Die Szene mit der Braut, in die er das Thema des Tanzes einfließen und den als Skelett dargestellten Tod mit der Trompete wie zum (Ab-)Marsch blasen lässt. Und die Szene mit dem Künstler, der der abgemagerten Gestalt des Todes an der Leinwand stehend begegnet. Johann Anton Falger lässt offen, ob es sich dabei um ihn selbst handeln könnte. Der Tod reicht dem überraschten Maler, der Pinsel und Palette hält, ein Stundenglas und scheint dabei den Lorbeerkranz des Siegers in seiner anderen Hand für sich selbst behalten zu wollen.


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Verse:


1. Papst: Wohin des Menschen Fuss auf Erden tritt,
Da gehst Du an der Seite mit.
Tod: Zur Seite war ich immer  Dir
Jetzt gehst Du von dem Thron mit mir.
2. König: Ich bin Gebiethor in dem Reich.
Wer ist an Würde mir wohl gleich?
Tod: Der Krone Dir und Szepter gab,
Der nimmt Dir Deine Würde ab.
3. Künstler: Lass leben mich der Kunst allein,
Ich möcht durch sie verewigt sein.
Tod: Sieh, andern bring ich keinen Kranz,
Durch mich erhältst den Ruhm Du ganz.
4. Richter: Ich richte, wie der Codex lehrt,
Thu’ alles, wie's mein Fürst begehrt.
Tod: Ich breche jetzt den Stab auch Dir.
Herr Richter, komme nur mit mir.
5. Bürger: Lass mich bei Tanz und Saitenspiel
Noch fröhlich sein im Weltgewühl.
Tod: Verlassen muast Du Tanz und Spiel,
Jetzt tanz mit mir zum letzten Ziel.
6. Soldat: Hier stehe ich voll Heldenthat
Wie jeder tapfere Soldat.
Tod: Ja, Du stehst auf dem Feld der Ehr,
Durch mich erwirbst Du Dir Lorbeer.
7. Kind: Lass mich doch da, ich bin noch klein,
Lass mich bei meiner Mutter sein.
Tuod: Ich sehe nicht auf Klein und Gross
Und jedem werde ich sein Loos.
8. Mutter: Ist denn bei Dir gar kein Pardonn,
Nimmst Du mich von den Kleinen schon ?
Tod: Sieh, ich verrichte Deine Pflicht
Und bringe alles vor Gericht.
9. Arzt: Hier nehmet diese Gabe ein,
Sie wird gewiss zur Heilung sein.
Tod: Du willst die Kranke heilen hier,
Doch unverhofft musst Du mit mir.
10. Knab: Lass mich doch in der Stadt zurück!
Ich lebte wenge Augenblick.
Tod: Das Menschenleben geht in Eil
Und alles tödet dieser Pfeil,
11. Braut: Lass mich noch hier bei der Musik,
Lass mich noch hier und geh zurück!
Tod: Ich gebe Dir jetzt meine Hand
Und binde mit Dir ein neues Band.
12. Grossmutter: Lass mich doch da, nimm andere hier
Und lasse noch erzählen Dir,
Tod: Ich höre nicht auf Deine Wort,
Du musst wie Deine Kinder fort.
13. Bauer:Was willst schon da auf diesem Feld?
Besiegst denn Du dies ganze Welt?
Tod: Ich müh die Leut wie Du das Gras,
Nimm alles und mach keinen Spass.
14. Reicher: Bestechen lässt sich viel mit Geld,
Ich zahle, lass mich auf der Welt.
Tod: Ich will kein Gold, nur Dich allein,
Steh auf, ich will Dein Kutscher sein.
15. Bettler: Ich habe nichts, oft kein Stück Brod,
Lass mich noch hier in meiner Not.
Tod: Nein, Du musst fort, hier ist Dein End
Und auch vollendet Dein Elend.
16. Mörder: Du bist mir auch kein Freiheitsbot,
Ich glaub, Du führst mich aufs Schaffot!
Tod: Das Morden war Dir nicht erlaubt,
Jetzt schlag ich Dir auch ab das Haupt!
17. Magd: Du bist mir nicht der rechte Mann,
Ich schlag nach Dir, so lang ich kann.
Tod: Zu schwach bist Du, schlag Du nur zu,
Ich bring gewiss Dich heut zur Ruh.
18. Totengräber:Wer hätte das einst je gedacht,
Dass ich das Grab für mich gemacht?
Tod: Vollendet ist hier Dein Taglohn.
Geh mit mir jetzt, Du Erdensohn.

Sagen

Weitere


Nichts ist gewisser als der Tod - Jeder muss einmal sterben. Doch wenn der Tod plötzlich und unvermittelt kommt, wollen die meisten nicht ihr Leben lassen.

Im Totentanz von Alois Johannes Lippl erscheint der Tod (in der Inszenierung der Schauspiele Kauns die Tödin) in sieben Szenen, um sieben höchst unterschiedliche Charaktere mit sich zu holen. Und so verschieden die Menschen sind, so verschieden erleben sie auch die Botin, die beim einen grausam, beim anderen fast mitleidig die Notwendigkeit zum Abgang einfordert. Die Menschen, die durch Habgier, Macht, Streitsucht und Überfluss verblendet sind, erkennen nicht gleich mit wem sie es zu tun haben. Sie alle „tanzen“ dem Gericht Gottes entgegen und reagieren auf den Tod auf sehr unterschiedliche Weise. Es scheint, als ob sie zumindest im Augenblick des Todes ihr Leben überdenken und neu bewerten.

Das Schauspiel ist einerseits mit ans Mittelalter angelehnte Kleiderformen und Symbolfarben sowie der altertümlichen Sprache ein historisches Stück, andererseits versuchen Schauspiele Kauns mit einer modernen Kostüm-, Kulissen- und Musikgestaltung und einem etwas anderen Tod den Brückenschlag in die Gegenwart.


Dieses Theaterstück regt zum Nachdenken an. Denn der Tod ist unberechenbar und kommt zu allen Menschen, er ist der Herrscher der Welt. Er kennt kein Alter, kein Geschlecht, keinen Stand. Er führt die Menschen aus dem Leben, ohne vorher zu fragen, ob sie zum Sterben bereit sind. Vielleicht mahnt es uns auch zum Innehalten und Diskutieren über das Leben und die Dinge, die es wirklich lebenswert machen.


Mehr Informationen unter www.schauspiele-kauns.at


www.meinbezirk.at/reutte/lokales/totentanz-in-der-pfarrkirche-elbigenalp-d1907542.html

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Verzeichnis der öffentlich zugänglichen Totentänze in Österreich

Beim Totentanz handelt es sich um einen Reigentanz, bei dem Menschen aus verschiedenen Berufen, verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und verschiedenen Alters mit dem Tod tanzen. Das kann eine Einzeldarstellung einer Person mit dem Tod  sein, aber auch ein ganzer Zyklus mit einr Bilderfolge von lebenden Menschen beliebigen Standes: Soldat, Bettler, Mutter, Bischof, König, Kind etc. Meist unterstreichen erläuternde Texte sowie Sprich- und Mahnwörter den Aspekt der Vergänglichkeit. Mit allen möglichen Ausreden versuchen die Menschen beim Tod einen Aufschub zu erlangen, doch er ist gnadenlos und nimmt alle mit, ohne Ausnahme. Eigentlich ist es ein sinnloser Kampf, das wissen die Menschen, und doch versuchen sie zu entkommen. Das Makabere und Irritierende beim Totentanz ist, dass der Tod tanzt, denn an und für sich ist der Tanz etwas Erfreuliches, ein Spiel der Bewegung, aber auch ein Ausdruck des Sittenverfalls, der Gelegenheit zur Sünde. Entstanden dürfte der Totentanz in Frankreich sein. Die Danse Macabre von 1424 (Friedhof von S. Innocent in Paris) stellt den bedeutendsten Ausgangspunkt der europäische Totentanztradition dar. Besonders wichtig ist der Baseler Totentanz, entstanden um 1440 in Basel an der Friedhofsmauer des Dominikanerklosters in Erinnerung an die Pest 1439.  

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 Wiki




 St.-Anna-Kapelle in Füssen mit dem ältesten, heute noch erhaltenen bayerischen Totentanzzyklus, von Jakob Hiebeler im Jahre 1602 geschaffen. Zugang über das Museum der Stadt Füssen. Mehr Info unter: http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BCssener_Totentanz

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