21.5.26
Altwerden
Das Altwerden ist eine
Frage des Tempos. Wenn Gespräche länger dauern, Wege bedächtiger werden oder
digitale Abläufe Geduld verlangen, zeigt sich, wie rücksichtsvoll eine
Gesellschaft ist. Auch im familiären Alltag finden sich die Spannungen des
Älterwerdens. Nähe wird geplant, koordiniert, eingeschoben. Sie findet statt –
aber sie konkurriert mit Zeitdruck, räumlicher Distanz und unterschiedlichen
Lebensrhythmen. „Leihomas“ und „Leihopas“ füllen Betreuungslücken, begleiten
Kinder zum Spielplatz, lesen vor, hören zu. Sie schaffen Verbindungen zwischen
Menschen, die nicht verwandt sind – und ermöglichen damit eine Form von
Verlässlichkeit, die in mobilen, beruflich stark eingebundenen Lebenswelten
nicht selbstverständlich ist. Gleichzeitig bleibt der Kontakt zu den eigenen
Eltern oder Großeltern nicht selten fragmentarisch: ein kurzer Besuch am
Wochenende, ein Telefonat zwischen zwei Terminen, eine Videobotschaft anstelle
eines Gesprächs am Wohnzimmertisch. Alter bedeutet Entschleunigung. Das kann
als Zumutung erscheinen – oder als Gegenentwurf zu einer sich rasant bewegenden
Gesellschaft. Zwischen organisiertem Besuch und gelebter Beziehung entscheidet
sich, ob das Alter als Randthema verstanden wird, das pragmatisch gelöst werden
muss – oder als Teil eines gemeinsamen Lebens, das Zeit braucht und
Aufmerksamkeit verdient. Wertschätzung entsteht dort, wo Generationen einander
nicht nur versorgen, sondern wahrnehmen.
Ö1



