3.11.16

 

Größe und Tragik eines Humanisten - Zum 550. Geburtstag des Erasmus von Rotterdam

Erasmus von Rotterdam stand vor 500 Jahren am Zenit seines Schaffens - ist er heute noch relevant?
 Seine Adagia, eine Sammlung von Sprichwörtern aus der antiken Literatur, wurde für Gebildete rasch Pflichtprogramm und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Ihr verdanken wir geläufige Redewendungen wie: "Durch Schaden wird man klug", "Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer", oder: "Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul". Der literarische Durchbruch gelang Erasmus 1510 mit seinem "Lob der Torheit", in dem er satirisch die Borniertheit und Eitelkeit der kirchlichen wie weltlichen Eliten auf die Schaufel nahm. Größte Verdienste um die Theologie erwarb er sich 1516 mit einer verbesserten griechischen Textausgabe des Neuen Testaments.

 Vollends brisant wurde seine Lage jedoch ab 1517, nachdem die Thesen Martin Luthers einen Tsunami an religiös-politischem Streit auslösten - er sollte Europa für Jahrhunderte bis hin zu Waffengängen polarisieren. Alle Seiten drängten Erasmus nun zur Parteinahme, die er jedoch bis zu seinem Tod 1536 konsequent verweigerte. Zwar teilte er viele Kritikpunkte Luthers an der Kirche. Auch er trat gegen den überhitzten religiösen Markt der Zeit für eine nüchterne, ins berufliche und familiäre Leben integrierte Religiosität ein. Luthers deftig-populistische Zuspitzung, Deutschtümelei und Preisgabe der Kircheneinheit aber lehnte er ab - Erasmus wollte nicht das Kind mit dem Bad ausschütten. In seinem Buch, "Versuchungen der Unfreiheit" von 2008 feiert der Soziologe Rolf Dahrendorf ihn gerade darin als Prototypen des modernen Intellektuellen, als "disziplinierten Beobachter, der sich nicht vereinnahmen lässt". Unsere Welt, die erneut tiefe Gräben durchziehen, braucht Brückenbauer vom Schlag eines Erasmus dringender denn je!

Ö1

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