1.4.17

 

Wie Orgelton und Glockenklang

Die Orgel war die erste Liebe meines Lebens, sie brach über mich herein, noch bevor ich zur Liebe zu einem Mädchen fähig war. Die vielen Stunden, die ich in dunklen Kirchen verbracht habe - besessen davon, ein neues Stück zu lernen oder eines, das ich schon kannte, möglichst gut zu spielen -, diese Stunden sind mir heute näher als fast alles, was ich in meiner frühen Jugend erlebt habe. Bis zu meinem 40. Lebensjahr habe ich regelmäßig bei Gottesdiensten gespielt, und das hat meine Faszination am Orgelspiel auch aufrechterhalten. Hätte ich nur für mich allein gespielt, wäre die Energie dafür viel früher verlorengegangen.
Mit jedem anderen Instrument kann man heute, wo es kaum mehr so etwas gibt wie Hausmusik, das Musizieren für Familie und Freunde, in der Regel nur dann vor anderen spielen, wenn man ein Profi ist. Ich war auf keiner Akademie, aber in den Kirchen konnte ich spielen, allein oder zusammen mit Sängern oder anderen Instrumentalisten. Außerdem ist auf der Orgel etwas möglich, was sonst in der klassischen Musik ganz verloren gegangen und nur mehr im Jazz üblich ist: das Improvisieren. In den Gottesdiensten muss man geradezu improvisieren - zumindest dann, wenn man ein Lied einspielt.
Das habe ich besonders geliebt: das Einspielen und Begleiten von Liedern. Da muss man mitatmen mit dem Lied und der singenden Gemeinde, damit man ein Tempo vorgeben, aber auch das Tempo der Singenden aufnehmen kann. Und das entspricht auch meinem Naturell: ganz allein auf der Orgelempore zu sein, nicht zu einer Masse zu gehören - und trotzdem nicht allein vor sich hin zu spielen, sondern die Singenden und Zuhörenden zu spüren.
Dass ich nicht mehr Orgel spiele, ist ein Verlust, der immer noch schmerzt. Gleichzeitig lebt in mir etwas weiter von dieser ersten Liebe: Nicht nur dadurch, dass ich Musik anders höre, weil ich selbst einmal ein Instrument gespielt habe. Wenn ich allein vor dem Computer sitze und schreibe, bin ich nicht einsam, weil ich dabei etwas von den Menschen spüre, die die Texte lesen oder hören werden. Und wenn ich wie jetzt im Rundfunk-Studio sitze und spreche, ist die Erfahrung des Orgelspiels noch intensiver gegenwärtig: allein sein, aber mit allen verbunden, die zuhören.

Cornelius Hell, Literaturkritiker und Übersetzer  - Gedanken für den Tag

Ö1
 

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