23.2.16

 

Sie flehen mich an, sie herauszuholen

Pfarrer Martens zu Übergriffen auf Christen in Flüchtlingsheimen

Rund 1.200 christliche Flüchtlinge gehören der Berliner Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeits-Gemeinde mittlerweile an. Und die erzählen ihrem Pfarrer Gottfried Martens immer wieder von Drohungen und Übergriffen in ihren Unterkünften. Im Interview mit katholisch.de spricht Martens nun über die Vorfälle und erklärt, warum die Zurückhaltung von Politikern und Journalisten Pegida am Ende in die Karten spielt.

Frage: Herr Martens, was ist ein "Kuffar"?
Martens: Das ist aus muslimischer Sicht ein Ungläubiger. Allerdings wird der Begriff nicht als neutrale Beschreibung für einen Menschen benutzt, der kein Muslim ist. Vielmehr schließt das Wort "Kuffar" mit ein, dass der Ungläubige den Tod verdient hat.

Frage: Zu Ihrer Gemeinde gehören mittlerweile zahlreiche christliche Flüchtlinge. Sie sagen, dass die in ihren Unterkünften häufig als "Kuffars" bezeichnet würden. Was berichten ihre Gemeindemitglieder sonst noch über das Zusammenleben mit den Muslimen?
Martens: Im vergangenen halben Jahr hat es noch einmal eine deutliche Verschlechterung ihrer Lage gegeben. Zwar haben wir bereits vorher von Übergriffen auf Mitglieder unserer Gemeinde gehört. Allerdings waren das Einzelfälle, die meist auch von einzelnen, radikalen Muslimen ausgingen. Durch den großen Zustrom muslimischer Flüchtlinge in den vergangenen Monaten hat sich in vielen Berliner Heimen aber eine geschlossene Gesellschaft gebildet. Es wird ein sehr starker Druck auf die nicht-muslimische Minderheit ausgeübt. Die Konvertiten sind noch einmal in spezieller Weise betroffen, weil die Konversion vom Islam zum Christentum als besonders schweres Verbrechen erachtet wird.

Frage: Was sind die Konsequenzen für die Christen?
Martens: Wenn Christen identifiziert werden, folgen meistens Drohungen in unterschiedlichster Form. Ihnen werden zum Beispiel Enthauptungsvideos auf Handys gezeigt oder der Zugang zur Küche verwehrt, weil sie "unrein" sind. Es kommt aber auch zu tätlichen Angriffen, bei denen auf die Christen eingeprügelt wird oder ihnen die Taufkreuze vom Hals gerissen werden.

Frage: Die Politik spricht bisher nur von Einzelfällen…
Martens: Vor drei Jahren gehörten etwa 150 Flüchtlinge zu unserer Gemeinde, die zum Christentum konvertiert sind. Heute sind es rund 1.200. Das bedeutet, dass wir einen ziemlich guten Überblick über das haben, was in den Heimen in Berlin und Brandenburg geschieht. Eines der Kernprobleme ist die Definition dessen, was man als "Übergriffe" versteht. In vielen Heimen wird ein Klima geschaffen, das unsere Gemeindemitglieder an das Klima erinnert, vor dem sie aus ihrer Heimat geflohen sind. Die Folgen für die Psyche sind in vielen Fällen weitreichender als die Wunden, die ihnen bei Schlägereien zugefügt werden. Ein Beispiel: Am vergangenen Sonntag hat mir eine junge, christliche Flüchtlingsfamilie berichtet, dass ihre Tochter nach nur wenigen Wochen in der Unterkunft massiv gemobbt wird, weil sie ein "Kuffar" ist, mit dem man nicht spielen darf. Das rechtfertigt kein Einschreiten der Polizei und taucht auch in keiner Statistik auf. Für die geflüchtete Familie ist es dennoch stark traumatisierend.

Frage: Wenn es keine Einzelfälle sind, warum wird dann so selten etwas davon öffentlich gemacht?
Martens: Einer der Hauptgründe ist sicher die Angst davor, Wasser auf die Mühlen derer zu geben, die diese Vorfälle für flüchtlingsfeindliche Propaganda missbrauchen. Stichwort: Pegida und AfD. Sowohl Behörden und Politiker als auch Journalisten halten sich deshalb sehr zurück. Leider ist ihre Angst ja auch nicht unbegründet, wenn jetzt schon offen darüber gesprochen wird, Flüchtlinge an der Grenze zu erschießen. Auf der anderen Seite hilft es uns aber auch nicht, diese massiven Probleme totzuschweigen. Denn irgendwann werden sie doch publik. Und dann spielt das den Anhängern von Pegida vielleicht noch mehr in die Hände. Gerade wenn wir dafür sind, Flüchtlinge in unser Land aufzunehmen, und das bin ich, dann muss man die Probleme und Risiken ganz klar benennen.

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